Studie enthüllt brisantes Profil der G-8-Kritiker

Angriffe auf Polizisten, Attacken mit Pflastersteinen – etliche Demonstranten in Heiligendamm fanden die militanten Aktionen des Schwarzen Blocks angemessen, zeigt eine neue Umfrage. Doch im Laufe des G-8-Gipfels drehte die Stimmung.

von Peter Wensierski

Der junge Mann im schwarzen Outfit gehörte zu den ganz Vorsichtigen im Camp bei Reddelich. Der selbstgebaute Wachturm aus Holz und die Eingangskontrollen des Demonstranten-Zeltlagers reichten ihm da nicht. Obwohl die Befrager vollkommene Anonymität versprachen, fasste er den Fragebogen des „Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung“(ZKJF) der Universität Bielefeld recht misstrauisch nur mit Handschuhen an: „Ich werde doch keine Fingerabdrücke darauf hinterlassen!“

Ausgefüllt hat er ihn dann aber doch, insgesamt vier Seiten mit 100 Fragen. Vielleicht gehört er zu den zehn Prozent aller Demonstranten, die bei der „angemessenen Protestform hier in Heiligendamm“ hinter „Werfen von Pflastersteinen“ ihr Kreuzchen unter „angemessen“ gemacht haben. Tatsächlich wurden alle 3576 ausgefüllten Fragebogen zwecks Wahrheitsfindung strikt vertraulich behandelt, ging es doch um teils sehr intime Aussagen Jugendlicher bis zu 25 Jahren.

Dass eine Demonstrantengeneration in Deutschland derart gezielt und zeitnah in Aktion untersucht wird, ist auch für die beteiligten Wissenschaftler Neuland. Die Soziologen und Demografen der Uni Rostock und die Bielefelder Jugendforscher sind mit ihrem Projekt „Motivstrukturen jugendlicher Globalisierungsgegner“ zwar noch nicht vollständig fertig, doch liegen jetzt – nur einen Monat nach den Protesten und Befragungen – erste repräsentative Ergebnisse vor. Die Forschung fand zielgenau im Echtzeit-Modus statt, während der Aktionstage in den Camps, sowie bei der Auftakt- und Abschlussveranstaltung.

Auf den ersten Blick scheint der Befund alarmierend: Der Kern militanter Globalisierungsgegner wird getragen von der Zustimmung eines Großteils aller Demonstranten – wie seit den Zaunschlachten an der Frankfurter Startbahn-West Ende der achtziger Jahre nicht mehr. Dies ist nicht mehr die Spaß-Generation des Love-Parade-Zeitalters. Projektleiter Uwe Sander hat jedoch auch festgestellt: „Die Mehrheit der Demonstranten war zu Beginn ein Schutz für den Schwarzen Block. Im Laufe der teils gewaltsamen Aktionen wurde diese Akzeptanz aber eher verspielt.“

Die Details der Untersuchung dürfte daher Politiker wie den schwarzen Block gleichermaßen interessieren. Nicht nur weil sich 63 Prozent aller Teilnehmer als links und 20 Prozent sogar als linksradikal bezeichnen. Zwar würde nur jeder zehnte selbst aktiv „Firmeneigentum verwüsten“ – doch für solche Gewalttaten hätte er von jedem vierten die volle Zustimmung (siehe Grafik). „Angriffe auf die Polizei“, „Werfen von Pflastersteinen, Farbbeuteln oder Flaschen“ wollen bis elf Prozent der Aktivisten mitmachen – und auch hier ist das Sympathisantenfeld weitaus größer. Die allgemeine Zustimmung zu illegalen Protestmitteln schnellt bei „Demontage von Schutzeinrichtungen“ auf bis zu 37 Prozent hoch.

Eine 19-jährige Abiturientin schrieb dazu noch den Satz: „Dieser Zaun in seiner absoluten Wahnsinnigkeit, Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit muss schlicht weg!“ Und eine 21-jährige Studentin formulierte sophisticated: „Die ziehen einen Gartenzaun und bauen nichts an.“

Für alle Befragten stehen klar politische Ziele im Vordergrund. „Zwar wird die Teilnahme an der Demonstration auch genutzt, um neue Erfahrungen zu sammeln, Spaß zu haben und neue Leute kennen zu lernen“, heißt es in der ersten Auswertung. Dies seien aber sekundäre Gründe. „Es geht hauptsächlich gegen eine Form der Globalisierung, als deren Konsequenz Armut und Unterdrückung der dritten Welt gesehen wird und Perspektivlosigkeit als Folge der Dominanz ökonomischer und politischer Macht.“

Zu den Überraschungen gehört für Projektleiter Uwe Sander, „dass die Zahlen oft sehr eindeutig anders als die gefühlten Wahrnehmungen sind“. Über die Medien sei etwa der Eindruck entstanden, die Demonstranten seien aus aller Herren Länder nach Heiligendamm gekommen. Doch 91 Prozent der Teilnehmer waren aus Deutschland.

Die Masse der Demonstranten am Zaun vor Heiligendamm ist überdurchschnittlich gebildet. 70 Prozent gehen noch zur Schule oder studieren. Sander: „Dies spiegelt sich auch in den Elternhäusern der Jugendlichen wieder. 52 Prozent der Väter und 47 Prozent der Mütter haben einen Hochschulabschluss.“

Die Demonstranten von Heiligendamm gehören mithin nicht zu den Verlierern der Globalisierung, dennoch geben 88 Prozent als Motiv ihrer Teilnahme „Perspektivlosigkeit“ an. Projektmitarbeiter Matthias Witte erklärt das so: „An den Globalisierungsprotesten beteiligen sich vor allem die Jungen der Mittelschichten, aber auch ihre Eltern, die Angst vor dem sozialen Abstieg ihres Nachwuchses haben.“

Jugendforscher wie er und der Bielefelder Arne Schäfer sprechen von der Entstehung einer „prekären Generation“, die unter einer Art „biografischem Schock“ stehe, auf den sie schlecht vorbereitet ist. Die meisten kommen aus einer heilen Welt, haben ihre Kindheit in den Wohlstandszeiten der achtziger und neunziger Jahre verbracht, mit sozial gut situierten Eltern und angenehmen Beziehungen. Mit dem Eintritt ins Berufsleben werden sie von einer härteren Realität erfasst, „erleben eine dramatische Gleichzeitigkeit von Armut und Reichtum, Abstieg und Aufstieg, Schatten- und Sonnenseiten der Globalisierung“, sagt Schäfer.

Schon nach der Gewalteskalation 2001 in Genua stellten italienische Politologen fest, dass es einenCommon Sense der Demonstranten gibt, ein tiefes Ungerechtigkeitsempfinden angesichts wachsender sozialer Ungleichheit.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die das Projekt finanziell fördert, hatte im Vorfeld erhebliche Bedenken: Würden die 250 Helfer, junge Rostocker Studenten, mit ihren Fragebögen von den militanten Demonstranten nicht schlicht verprügelt werden? Nichts dergleichen ist passiert. Der Rostocker Projektkoordinator Dirk Villányi: „Wir haben mindestens mit Zurückhaltung gerechnet, aber die Leute haben überraschend offen mitgemacht. Sie wollen mit ihren Inhalten nicht nur bei Demos wahrgenommen werden.“ Sogar viele aus dem schwarzen Block nahmen sich die Zeit und machten ihre Kreuzchen.

Anders als in früheren Protestwellen, die das Land erfassten, scheint die heutige Generation von Demonstranten für die Politik schwer berechenbar. Konnten früher Grüne oder Sozialdemokraten sich Demonstranten als Anhängerschaft zurechnen, scheinen sich die Engagierten der Gegenwart bewusst von diesen organisierten Formen der Politik abzusetzen. Sie wollen „keine vereinnahmenden Politorganisationen“, sagt Jugendforscher Schäfer.

Die neue Protestgeneration konstituiert sich über das Internet. Dabei bleibt der Einzelne autonom – und dennoch verbunden mit einer Gemeinschaft, die sich dann zu ausgewählten Aktionen trifft. Zu rechnen sei allerdings mit ihr auf Dauer. „So verschwindet sie auch nach Heiligendamm nicht, die Politik muss immer wieder mit ihr rechnen.“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,493332-2,00.html


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