Vor dem Hochgebirg

Die Radikalisierungsgeschwindigkeit in der eigenen kollektiven Hand behalten: Nach Heiligendamm braucht es geduldige Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit und Anstrengungen auf der lokalen Ebene. Es gilt, eine neue Offensive sorgfältig vorzubereiten
von Commander Shree Stardust

»In bezug auf all das Gerede, ob Marcos schwul ist: Marcos ist ein Schwuler in San Francisco, ein Schwarzer in Südafrika, Asiat in Europa, Chicano in San Isidro, Anarchist in Spanien, Palästinenser in Israel, Jude in Deutschland …«
Subcomandante Insurgente Marcos

Angesichts des Schlagabtauschs Dr. Seltsam/Jürgen Elsässer muß ich zunächst mein weitestgehendes Unverständnis zu Protokoll geben, worüber hier eigentlich debattiert wird. Gemeinsam ist beiden Autoren, daß sie die Ereignisse des Jahres 2007 in den Diskurs ihrer eigenen Generation und das framework ihrer Biographien zu zerren versuchen. Gemeinsam ist beiden Texten, daß sie auf sehr unterschiedliche Weise sehr gefährlich, ja schädlich sind für die aktuelle Bewegung. Thomas Wagner sei dank, will ich, abgesehen von obigem Zitat, meinerseits vor allem auf den anderen der beiden Autoren eingehen: auf den von mir als Künstler bewunderten und ob seiner Sprache hochgeschätzten Dr. Seltsam.

Dr. Seltsam ist ein fröhliches Kind der ’67er Rebellion. Demgemäß bringt er einen wunderschönen, das Kämpferherz erfrischenden Text, der in erster Linie vom 2. Juni 1967 handelt. Weiter sucht und findet der seltsame Doktor fleißig Parallelen zum 2. Juni 2007, und vielem, was er schreibt, wäre zuzustimmen, wenn es am Ende nicht so hochgefährlich zu sein verspräche.

Staatsbesoldete Provokateure haben ihren Anteil gehabt an den Rostocker Straßenkämpfen. Das äußerst medienwirksam brennende Auto, beispielsweise, geht ziemlich sicher auf deren Konto. Das eine Auto hat aber keineswegs die historische Fanalwirkung gehabt, die Dr. Seltsam ihm zuschreiben möchte – zum Glück. In der für sich genommen absurd aufgeblasenen Provokateursdebatte zwischen Elsässer/Seltsam verbirgt sich nämlich eine andere und entscheidende Frage: die nach der Kontrolle über die Radikalisierungsgeschwindigkeit einer Bewegung.

Entscheidend ist nicht, ob es Militanz gibt, sondern wer das entscheidet. Was wir benötigen, ist Organisation der Militanz als Teil der Gesamtbewegung und Reflexion über ihren Sinn oder Unsinn in konkreten Situationen. Oberstes Ziel ist die damit einhergehende Fähigkeit einer Bewegung, die Entscheidung über das Ob, Wann, Wo, Wie und Wie-weit der verschiedenen Kampfmethoden in der eigenen kollektiven Hand zu behalten. Erst das würde echte Handlungsfähigkeit bedeuten.

Selbstbestimmte Langsamkeit
Bei aller Sympathie sehe ich mich außerstande, die Revolte von ’67ff als besonders gelungenes Beispiel für eine erfolgreiche Beibehaltung der taktischen Initiative zu sehen. ’67ff ist vielmehr ein Beispiel für den totalen Kontrollverlust einer Bewegung über sich selbst. Was wir heute am allerwenigsten brauchen, ist eine unkontrollierte Beschleunigung der Bewegung, wie sie Dr. Seltsam herbeijubelt. Was es zu erlernen gilt, ist vielmehr die Fähigkeit zur selbstbestimmten Langsamkeit. Beschleunigt wird, wenn wir uns bewußt dafür entscheiden, gut vorbereitet sind, wenn Zeitpunkt und Terrain für uns günstig sind. Ansonsten und zwischen diesen Push-Phasen: geduldig aufklären, geduldig aufbauen, Schritt für Schritt.

Es gibt diesen zentralen Unterschied zwischen einem Kämpfer und einem Krieger. Carlos Castaneda hat ihn herausgearbeitet, auch Gilles Deleuze/Felix Guattari in einer kurzen Passage über die Haltung eines Samurai, in ihrem Werk »Mille Plateaux« (Tausend Ebenen): Der Kämpfer kämpft, weil er den Kampf für seine egomanische Komplexstruktur benötigt. Der Kämpfer kämpft deshalb immer und jederzeit. Der Krieger dagegen kennt den Krieg und gibt sich keinerlei Illusionen um seine Schrecklichkeiten hin. Er haßt den Krieg und kämpft die allermeiste Zeit überhaupt nicht. Er kämpft nur, wenn es sein muß, wo es Sinn macht und wenn ein Sieg möglich ist. Dann aber kämpft er grundsätzlich so, als gälte es Leben oder Tod.

Der Kämpfer ist ein Märtyrer in spe und damit ein Verlierer auf hohem kämpferischen Niveau. Der Kämpfer ist ein westdeutscher Maoist der 70er Jahre. Der Krieger ist ein glücklicher Mensch, mit oder ohne Waffen, wehrhaft und klug, ein Heiliger in spe. Der Krieger ist ein zapatistischer Guerillero in den Bergen Mexikos, ein Rebell in den bayerischen oder japanischen Alpen, ein Aktivist im Wendland, in der Eifel oder in Mecklenburg-Vorpommern.

Das taktische Brevier für die Phase nach Heiligendamm liefert übrigens ein Herzenskrieger deutscher Zunge: »Erst gewahrten wir vergnüglich / Wilden Wesens irren Lauf; / Unerwartet, unverzüglich / Trat ein neuer Kaiser auf. / Und auf vorgeschriebnen Bahnen / Zieht die Menge durch die Flur; / Den entrollten Lügenfahnen / Folgen alle. – Schafsnatur!«1

Wir sind anders durch die Fluren gezogen. Auf allen, nur den vorgeschriebnen Wegen nicht. Haben endlich, endlich wieder angefangen, schlechte Gesetze, gute Sitten, Verkehrsregeln und unsere rostroten Frustpanzer zu durchbrechen, sind ins Laufen, Rollen, Tanzen, Singen und Siegen gekommen, haben enorme Geländegewinne erzielt.

Aber große Siege sind gefährlich. Die Proteste in Heiligendamm waren das Ergebnis zweijähriger Vorbereitungszeit. Viele Organisationen haben Leute finanziert, die nach Rostock gezogen sind, um diese Vorarbeit zu leisten. Die Rostocker Strukturen selbst haben Hervorragendes geleistet. Wir sollten nicht glauben, daß wir diese exzellent vorbereitete Situation einfach auf die lokale Ebene herunterladen können. Wir finden dort zunächst die alte Lethargie, das alte Durcheinander und die alten Streithammel Marke Elsässer vor. Es bedarf konzentrierter Arbeit, die lehrreichen Tage und die positive Energie von Heiligendamm in die Städte und vor allen Dingen in die ländlichen Gebiete zu transponieren. Zu überbordendem Enthusiasmus gibt es keinerlei Anlaß. Wir haben jetzt eine gute Ausgangsposition, um neue, schlagkräftige, effektive, aber auch sehr solidarische, einladende und freundliche Strukturen vor Ort zu schaffen. Mehr (noch) nicht.

Front der Medien
Ich will erneut auf Goethe zurückkommen, auf die Lügenfahnen und Schafsnaturen. Wir sollten nicht siegestrunken übersehen, wie die Proportionen gelagert sind. Faktisch gibt es eine Version der Proteste in Heiligendamm, wie sie vor Ort erlebt werden konnte. Diese Version wurde lediglich von Indymedia, vom G-8-TV und von dieser Zeitung verbreitet. Die Süddeutsche Zeitung hat sich in Person ihres Heribert Prantl um die Aufdeckung von Schäubles Verfassungsbruch – dem Einsatz der Bundeswehr in Heiligendamm – verdient gemacht. Neues Deutschland, Freitag und Frankfurter Rundschau waren in ihrer Berichterstattung mit lose sympathisierender Neutralität gestraft. Das war’s.

Alle anderen haben die Lügenfahnen flatternd entrollt. Am schlimmsten natürlich die Fernsehsender – und die hartnäckigsten Schafsnaturen sind jene, die sich einbilden, auf Phoenix live dabei und so gut wie vor Ort gewesen zu sein.

Aber unsere Isolation innerhalb der Medienlandschaft geht viel weiter. Die taz hat sich infamster Spalterpraktiken bedient und gehört fürderhin geächtet. Das konservative Milieu von Bild bis hin zur FAZ hat einen wutgeifernden Antikommunismus von der Leine gelassen, der uns sorgenvoll stimmen sollte. Eine noch größere Warnung muß die Schützenhilfe von Jürgen Elsässers ehemaligen Freunden von der antideutschen Front sein: wer die fünf Seiten Leserkommentare zu einem Artikel des Jungle-World-Autors Stefan Wirner in Springers Welt liest2, bekommt eine Ahnung von einem Begriff, den ich hiermit gerne in die Debatte einführen möchte: eliminatorischer Antikommunismus.

Nun sollte man die Mainstreammedien auch nicht überschätzen. Wer die Protestvideos auf youtube ansieht und die Kommentare dort liest, wird Hoffnung schöpfen, daß wir auch den Info-War um Heiligendamm gewinnen werden. Ein SPD-Ortsverein in Oberbayern hat jugendliche Heiligendammfahrer aus der Gemeinde eingeladen, ihre Version der Proteste zu schildern. Die Front der Medien gegen uns ist sehr breit und kompakt, aber sie steht nicht sehr tief gestaffelt und ist innerlich porös.

An die Arbeit

Alles in allem bedeutet das Ausgeführte aber, daß wir jetzt arbeiten müssen. Wie mein Freund, Admiral Shree Rhadhjiv3, an anderer Stelle völlig zu Recht schreibt: »Nach einem historischen Sieg – und Heiligendamm war ein historischer Sieg! – gibt es zwei Varianten, wie die Sache weitergeht: a) Die zentrale Front des Gegners ist gebrochen und der Durchmarsch ist angesagt; b) Der Gegner hat noch Offensivkraft und ein stark befestigtes Hinterland. Dann gilt es, das gewonnene Terrain zu verteidigen. Ich meine, wir haben etwas von beidem. Das Hinterland des Gegners ist alles andere als stabil, im Grunde schreit es geradezu nach einem Durchstoß. Andererseits darf man nicht vergessen, daß unser Sieg mit einer verhältnismäßig kleinen Armee und einem noch sehr, sehr kleinen Offizierskorps erfochten wurde. Ich meine, wir müßten weiter angreifen, ohne uns zu überschätzen. Es wird vor allem darum gehen, die Heeresstärke zu erweitern, das geht aber nicht im Stillstand, sondern mittels kontrollierter Offensive.«

Soweit der Rhadhjiv. Ich will hier erneut Archer Jones4 anführen, der die Gefährlichkeit großer Siege hervorragend herausgearbeitet hat. Gerade das immer wieder lauthals geforderte Nachsetzen gegen einen sich zurückziehenden, aber immer noch handlungsfähigen Feind, jenes noch von Clausewitz5 als Königstaktik dargestellte »Fersengeld geben«, hält Archer Jones mit großer Berechtigung für ein überaus gefährliches und in den meisten Fällen unnötig opferreiches Manöver.

Der Idee des Fersengelds liegt ein militärischer Mythos zugrunde. Im Jahre 216 vor Zerstörung der alten Religion gelang Hannibal in einer Kesselschlacht bei Cannae die nahezu vollständige Vernichtung von 16 Armeen des römischen Imperiums. Diese Haupt- oder Entscheidungsschlacht – »dem Gegner sein Cannae beifügen« – ist aber in der Militärgeschichte eher Mythos als Realität. Vor allem in der modernen militärischen Praxis sowie im Bürger- und Diskurskrieg sind langwierige Erschöpfungskriege der Regelfall.

Taktik ist, wiederum nach Carl von Clausewitz, die Kunst, eine Schlacht zu gewinnen. Strategie ist die Kunst, mittels Schlachten den Krieg zu gewinnen. Deshalb gilt es jetzt, nach der erfolgreichen Taktik in Heiligendamm, über eine erfolgreiche Strategie für die kommenden ein, zwei Jahre zu meditieren. Die brutalen Polizeiübergriffe auf Demonstrationen in Berlin und Dresden zeigen, daß wir uns nach Heiligendamm in einer strategisch brillanten, aber taktisch gefährlichen Lage befinden.

Dr. Seltsams Hoch auf militante Spontaneität in allen Ehren – wesentlich besser würden wir daran tun, jetzt sehr klug und geschickt zu agieren, solide zu organisieren, Nadelstiche dort zu setzen, wo wir Aussicht auf Erfolg haben – und eine neue Offensive sehr präzise und sorgfältig vorzubereiten. Für diese, soweit bin ich mit dem Doctore ganz d‘accord, ist ’08 eine vielversprechende Zahl.

1 Johann Wolfgang Goethe: Faust II, Vierter Akt, Szene »Vor dem Hochgebirg«

2 debatte.welt.de/kommentare/24036/die+radikale+linke+erfuellt+sich+ihre+prophezeiung+selbst

3 Admiral Shree Rhadhjiv ist Oberkommandierender der intergalaktischen Navy und befehligte in Heiligendamm die rechte Flanke.

4 Archer Jones: »Civil War Command and Strategy. The process of Victory and Defeat.« New York, 1992

5 General Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk, Berlin, 1832

http://www.jungewelt.de/2007/06-21/019.php


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