Unsere Kultur

Grundlage des Erfolges der Linken im Rahmen der G-8-Aktionen: Die
Aktivisten ließen sich nicht spalten

von Dietmar Koschmieder

Wenn so einer einen Stein wirft, was ist er dann? Ein Verbrecher, wie
der CSU-Politiker Günther Beckstein im Fernsehen sagt? Ein Chaot, der
womöglich Tote will, wie die Bild-Zeitung auf ihrer Titelseite fragt?
Führt er die Ziele der Gipfelgegner ad absurdum, wie Michael Brie von
der Rosa-Luxemburg-Stiftung in einem Positionspapier behauptet? Oder
ist er ein nützlicher Idiot der Geheimdienstleute — wenn nicht gar
selbst einer von denen, wie jW-Autor Jürgen Elsässer einschätzt?
Einig sind sich die genannten jedenfalls darin, daß sich die anderen
Demonstranten von solchen Leuten sofort zu distanzieren, eine »klare
Trennlinie« zu ziehen hätten.

Die junge Welt hat sich diesen Standpunkt nicht zu eigen gemacht,
trotz der Macht der ersten Bilder, die auch Mitarbeitende von Verlag
und Redaktion in den ersten Stunden der sogenannten Krawalle von
Rostock verunsicherten. Es war schnell klar, daß wie üblich Medien
und Politiker zunächst mehr behaupteten (und später weniger sagten),
als sie wußten: Die Zahl der Demonstranten wurde gewaltig
untertrieben, das Ausmaß an Zerstörung und Gewalt aus dem sogenannten
Schwarzen Block dramatisch übertrieben, die Gewalt der Hochgerüsteten
ignoriert. Die gemeldete Zahl der schwerverletzten Polizisten war
schlicht gelogen, die Zahl der schwerverletzten Demonstranten ist bis
heute unbekannt. Wie alle anderen wußten wir nicht: Wer hat warum
Steine geschmissen? Waren es einzelne oder tatsächlich eine große
Gruppe, die als Handlungskonzept gezielt und planmäßig Steine
rührten? Oder hatten sich Demonstranten gegen Übergriffe gewehrt?
Waren Hools und Randaleheinis dabei, die das aus Spaß machten? Oder
steckten Provokateure mit Staatsauftrag dahinter? Solange wir aber
nicht wissen konnten, was da geschah: Warum sollten wir uns und von
wem distanzieren?
Wer bedroht wen?
Klar war jedoch, von wem reale Bedrohung ausgeht, wer Tote in Kauf
nimmt: die Auftraggeber derer, die sich da in Heiligendamm
versammelten. Vertreter der Kräfte, die nicht vor Krieg, Ausbeutung,
massenhaftem Elend und Tod zurückschrecken, wenn es den eigenen
Interessen nutzt. Die sich vor Demonstranten schützen ließen durch
Tausende hochgerüsteter Polizisten, versehen mit über 100000 Schuß
Munition, die zudem aus Militärkasernen verstärkt wurden.

Klar war auch: Der Schwarze Block als einheitlich agierende Formation
ist ein von Politikern und Medien erfundenes Phantom. Es gab und gibt
in ihm Widersprüche durch unterschiedliche Einschätzungen — wie das
übrigens bei allen linken Formationen üblich ist. Natürlich muß auch
in linken Bündnissen ständig über Strate­gien, Methoden und Ziele
diskutiert werden. Welche sind richtig und sinnvoll, welche
schädlich, wie wird erfolgreich Bündnispolitik betrieben? Aber diese
Diskussion führt man nicht vor laufenden RTL-Kameras. Da denunziert
man niemanden und distanziert sich nicht während der Aktion. Denn die
Gegenseite will diese Spaltung der Aktivisten. Vor allem dort, wo sie
trotz Einschüchterung und Drohkulisse auf Widerstand stößt. Daß ihr
diese Spaltung nicht gelungen ist, das war eine der wichtigen
Voraussetzungen für den Erfolg der Linken in Rahmen der
Anti-G-8-Aktionen. Dazu haben wir mit der jungen Welt bewußt einen
Beitrag geliefert.

Die Erfahrungen von Heiligendamm zeigen: Wir sind der brutalen Gewalt
des militarisierten Staatsapparates nicht wehrlos ausgeliefert. Auch
nicht den Bildern und Sichtweisen der bürgerlichen Medien.
Einheitliches, geschlossenes, entschiedenes und gut organisiertes
Handeln hilft, die ansonsten prägende Erfahrung von Ohnmacht zu
überwinden. Solche Erfahrungen helfen, mit eigener Politik, eigener
Kultur und eigenen Medien auch jene zu erreichen, die im Land und
darüber hinaus ebenso unzufrieden sind mit den bestehenden
Verhältnissen. Und sie in den Kampf um Veränderung einzubeziehen.
Wenn es gelingt, einheitlich und entschlossen zu handeln, über
innerlinke und nationale Grenzen und Beschränktheiten hinweg — ist
auch dieses System überwindbar. Das und nicht ein paar Steine oder
Holzstücke, die an den Helmen oder Schutzschilden ihrer Paladine
abprallen, fürchten die Mächtigen.
Wo die Trennlinie ziehen?
Wenn so einer einen Stein wirft, ist das zunächst einmal einer von
uns. Natürlich könnte er auch ein Provokateur sein. Oder ein
Verwirrter. Oder ein Hool. Aber genauso könnte jeder, der
linksradikale Reden schwingt, ein Spitzel sein oder der jW-Autor ein
eingeschleuster Verfassungsschutzagent. Zunächst ist es schlicht
einer von uns. Wenn er sich falsch verhält, wenn er sich nicht an
Absprachen hält, dann hindern wir ihn am falschen Handeln. Bei
Demonstrationen wie in Rostock können das übrigens die vom
sogenannten Schwarzen Block am besten erkennen und entsprechend
handeln. So oder so, wir klären das unter uns. Denn das ist Teil
unserer eigenen Kultur, unserer eigenen Politik. Die Trennlinie ist
woanders zu ziehen. Wir brauchen keine Ratschläge von denen, die
letztlich bestehende ungerechte Verhältnisse nur konservieren, warum
und wie auch immer.

So ist das aber auch mit dem eigenen Medium: Wo immer es möglich ist,
übernehmen wir nicht einfach die Sichtweise der Agenturen, sondern
fragen kritisch nach. Wir sind zwar vor allem eine Zeitung, verstehen
uns aber nicht nur als Beobachter und Analytiker, wir positionieren
uns, greifen ein, haben Zielvorstellungen: Wir sind an Veränderung
interessiert. Die gibt es nicht ohne unsere eigene Kultur, unsere
eigene Politik, und deshalb auch nicht ohne unsere eigenen Medien. In
diesen Tagen im Juni 2007 sind wir in solchen Fragen ein gutes Stück
vorangekommen.

http://www.jungewelt.de/2007/06-16/008.php


Empfehlungen